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Denn es war möglich!

Vor 25 Jahren gingen die Bürgerinnen und Bürger der DDR auf die Straßen um ihren Unmut über die anhaltende repressive Politik der SED-Regierung zu äußern. Sie demonstrierten für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte – Grundsätze, die das Selbstverständnis von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN bis heute prägen.

Auch GRÜNE gehörten zu den Architekten der friedlichen Revolution. Mit ihrem Engagement trugen sie zum Prozess des gesellschaftspolitischen Wandels, der letztendlich zum Übergang in eine parlamentarische Demokratie führte, bei.

Unser Praktikantenteam "Recherche '89" hat sich bei Sachsens GRÜNEN über die Zeit der friedlichen Revolution erkundigt. Welche Gefühle und Gedanken verbinden sie mit dieser Zeit, wie haben sie sich seither gesellschaftspolitisch betätigt? Welche Motivationen verbargen sich hinter ihrem Engagement und welchen Einfluss üben die Geschehnisse aus der Wendezeit auf ihre politische Arbeit bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN heute aus?

Martin Böttger

Zwickau, geboren 1947

Der promovierte Physiker war schon früh in der Friedens- und Menschenrechtsbewegung aktiv. Sein Vater war Pfarrer und gehörte zur Zeit des Faschismus der Bekennenden Kirche an. Auf die Frage, was für ihn die treibende Kraft war, gegen das SED-Regime aufzubegehren, antwortet er: "Meine Motivation bezog ich zum einen aus meiner christlichen Erziehung, zum anderen aus den Freundschaften mit politisch-oppositionell eingestellten Menschen." Er gehörte zu den Initiatoren des friedlichen Umbruchs, der mit dem Untergang der SED-Herrschaft endete. Bereits Anfang der 1970er Jahre begann sein Engagement in der Oppositionsbewegung.

"Ich verweigerte den Dienst mit der Waffe ",
berichtet Martin Böttger.

Von 1970 bis 1972 wurde er daher als Bausoldat verpflichtet. "Danach knüpfte ich erste Kontakte zu westdeutschen GRÜNEN und anderen Mitgliedern der Friedensbewegung." Dabei geriet der Friedens- und Menschenrechtsaktivist mehrmals in die Fänge der Stasi. Am 1. September 1983 wurde Martin Böttger wegen versuchter Teilnahme an einer Menschenkette zum Weltfriedenstag verhaftet. Er ließ sich aber nicht unterkriegen und war als Gründungsmitglied des NEUEN FORUMS und Mitbegründer der INITIATIVE FRIEDEN UND MENSCHENRECHTE in der entscheidenden Phase der friedlichen Revolution aktiv. Heute bezeichnet er den Herbst ´89 als die beste Zeit seines Lebens und zugleich den Aufbruch in die Mündigkeit.

Michael J. Weichert

Leipzig, geboren 1954

Um das gesellschaftliche und politische Wirken von Michael Weichert nachvollziehen zu können, bedarf es eines umfassenden Blicks in seine Vergangenheit und demnach in die Zeit vor der friedlichen Revolution. Über die Hälfte seines bisherigen Lebens war der in Leipzig aufgewachsene Pfarrerssohn Bürger der DDR. Allerdings hatte er nie das Gefühl ein Teil ihrer zu sein. Das von seinen Eltern mitgegebene "Gerechtigkeitsgen" bestärkte Michael Weichert darin, den von ihm empfundenen Zustand der Unterdrückung zu überwinden. Den staatlichen Behörden war dies jedoch schlicht ein Dorn im Auge.  "Ich durfte mein 1972 begonnenes Theologiestudium nicht abschließen und wurde darüber hinaus zum Teil meiner bürgerlichen Rechte beraubt. Mein Personalausweis wurde mir entzogen", erinnert sich Michael Weichert. Das Fass zum Überlaufen brachte für ihn die Ausbürgerung Wolf Biermanns im Jahre 1976. Die Zeit der friedlichen Revolution beschreibt Michael Weichert als einen unglaublichen Aufbruch, den er vorher mit einer gewissen Angst und Unsicherheit verband. Durch die jahrzehntelange, am eigenen Leib erlebte Unfreiheit, ist Michael Weichert heute ein Mensch, der die Bedeutung der Freiheit kennt. Er ist niemand, der den Leuten etwas verbieten möchte und wehrt sich gegen den Vorwurf, die GRÜNEN seien eine Verbotspartei. Zweifel, in der falschen Partei zu sein, hatte er nie.

"Die vom Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer
geprägte Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben
wird von den GRÜNEN am besten in Politik übersetzt
und
findet sich in den damaligen Idealen wieder",
erläutert Michael Weichert abschließend.

Eva Jähnigen

Dresden, geboren 1965

Anfang der 1980er Jahre begann Eva Jähnigens gesellschaftspolitisches Engagement inspiriert  durch die polnische Gewerkschaft Solidarność und die Friedensbewegung in der BRD und DDR. Dabei pflegte sie erste Kontakte zu kirchlichen Bürgerrechtsbewegungen der DDR. "Mein Interesse galt dabei insbesondere ökologischen und sozialen Themen", sagt Eva Jähnigen. Aus diesem Wunsch die Gesellschaft sozial und gerecht zu gestalten wuchs der Wille selbst mitzubestimmen und frei zu sein. Diese Ideale motivierten die zur Krankenschwester ausgebildete Dresdnerin zum damaligen Handeln und bewegen sie auch heute noch.
Zur Zeit der friedlichen Revolution war Eva Jähnigen in verschiedenen sozialen und ökologischen Initiativen aktiv. In der Dresdner Gruppe der 20 arbeitete sie in der Arbeitsgemeinschaft Soziales und Gesundheit, welche sich für die Verbesserung der Situation in den Krankenhäusern einsetzte.

"Die Zeit zwischen 1989 und 1990 verband ich
mit dem Gefühl eines großen Aufbruchs
und dem Verlust der Angst"
,
sagt Eva Jähnigen.

Durch mein Engagement und den Glauben an die Demokratie war es für viele aus meinem Umfeld kein Wunder, dass ich 1991 bei den GRÜNEN gelandet bin", fährt sie fort und kann sich dabei ein Lächeln nicht verkneifen. Allerdings hat sich ihrer Meinung nach noch längst nicht alles zum GRÜNEN gewendet. Nach wie vor sind für sie die Frage nach der Entwicklung des Menschen und die Frage nach seiner Existenz präsent. Ihrer Ansicht nach braucht es eine grundsätzliche Änderung, denn noch immer werde die Zerstörung der Natur, wie zu Zeiten der DDR, fortgeführt. Dieser Wunsch nach Änderung ist auch der Grund für ihre diesjährige Kandidatur auf der Landesliste der GRÜNEN.

Volkmar Zschocke

Chemnitz, geboren 1969

Volkmar Zschocke möchte seine heutige politische Motivation nicht gänzlich aus seinem Christsein heraus ableiten. Allerdings sind der Glaube und die daraus resultierenden Konflikte innerhalb der Schule die Wurzel für sein späteres gesellschaftspolitisches Handeln. Bereits im frühen Alter geriet er bei Weltanschauungsfragen des Öfteren in Auseinandersetzungen mit Lehrerinnen und Lehrern. Durch einen Schwerter zu Pflugscharen-Aufnäher an seiner Jacke wurde er mehrfach zum Direktor bestellt. Trotz ausgezeichneter Noten wurde ihm der Gang zur Oberschule durch den Vermerk im Abschlusszeugnis, sein Verhalten entspreche nicht den Grundnormen einer sozialistischen Schule, verwehrt. "Diese Konflikte, die Verweigerung von Bildung sowie die persönliche Erfahrung von Beschränkung haben mich damals hart getroffen. Im Umkehrschluss haben sie meinen rebellischen Geist sogar verstärkt", sagt der GRÜNEN-Politiker rückblickend.  Fortan engagierte er sich in der kirchlichen Jugendarbeit, leitete Veranstaltungen für freie und geheime Wahlen und organisierte Seminare, in welchen die Probleme der Umweltzerstörung, staatliche Willkür und die Überwachung angesprochen und diskutiert wurden. Dieses Aufbegehren gegen bestehende Ungerechtigkeiten trägt ihn bis heute und war der Grund, die GRÜNEN im damaligen Karl-Marx-Stadt mit zu gründen und bis heute bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN aktiv zu sein.
Und welche Gedanken verbindet er mit der friedlichen Revolution? Für den damals 20-jährigen war die Zeit nicht zuletzt auch aufgrund seines jungen Alters aufregend.

"Wenn ich heute mit meinen 45 Jahren an die Zeit zurückdenke,
dann bekomme ich manchmal weiche Knie"
,
sagt Volkmar Zschocke.

Er war sich damals nämlich nicht der möglichen Konsequenzen seines Handelns bewusst. "Ich kann von Glück reden, dass die Wende 1989 gekommen ist", fügt er hinzu. Dennoch gibt es für Zschocke keinen Grund zum Ruhen und folglich noch viel Handlungsbedarf. Auch heute kämpf er für einen Freistaat, der diesen Namen verdient und tritt als Spitzenkandidat von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zur Landtagswahl an.

Volker Herold

Riesa, geboren 1971

Wenn sich Volker Herold  in die Zeit der friedlichen Revolution vor 25 Jahren zurückbegibt, dann verbindet er diese mit dem Gefühl und der Entschlossenheit etwas bewegen, etwas verändern zu können. "Meine persönliche Motivation zum Engagement erhielt mit meiner Musterung zum Bausoldaten und den damit verbunden Unannehmlichkeiten, sowie meinen Erfahrungen mit den Sicherheitsorganen keinen Dämpfer sondern einen gewaltigen Schub", sagt Volker Herold. Die Themen Umweltschutz, Menschenrechte und Demokratie versuchte er weiterhin innerhalb kirchlicher Gruppen bei Veranstaltungen in die gesellschaftliche Diskussion einzubringen. Die anhaltenden gesellschaftlichen Widersprüche zwischen Schein und Sein zum Ende der 1980er Jahre führten seiner Ansicht nach bei vielen Menschen zum Glaubensverlust an den Staat und dem Gefühl, etwas ändern zu können.

"Der heute wieder viel gehörte Satz:
'Ich kann doch eh nichts ändern,

die machen ja sowieso was sie wollen'
verlor plötzlich an Gültigkeit",

sagt Volker Herold.

Heute vermisst er innerhalb der Gesellschaft dieses Gefühl und die Bereitschaft der Menschen sich politisch zu engagieren.
Und warum er ausgerechnet für die GRÜNEN kandidiert? "Bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN werden die Themen Umweltschutz, Menschenrechte und Demokratie am deutlichsten angesprochen und diskutiert. Deshalb bin ich in genau dieser Partei seit 20 Jahren engagiert, mit denselben Idealen die mich auch in der DDR angetrieben haben."

Jürgen Kasek

Leipzig, geboren 1980

Jürgen Kasek selbst war als damals 7-Jähriger nicht direkt am gesellschaftspolitischen Wandel beteiligt. Allerdings prägten und prägen ihn die Überzeugungen seiner Eltern, die beide in der Umweltszene der ehemaligen DDR aktiv waren. Sie nahmen den kleinen Jürgen regelmäßig zum Bäumepflanzen und zu Montagsdemonstrationen in Leipzig mit. "Am abendlichen Esstisch waren politische Diskussionen über Ideale und der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen allgegenwärtig." Die Überlegung war:

"Die Menschen brauchen die Natur
aber die Natur den Menschen nicht"
,
sagt Jürgen Kasek.

Der Schutz der Natur und Werte - wie die Bekämpfung von Rechtsextremismus und Diskriminierung - waren letztendlich auch die Beweggründe, die ihn im Alter von 16 zur Mitgliedschaft in einer politischen Partei bewogen haben. Als mittlerweile 33-Jähriger kandidiert Jürgen Kasek als Listenkandidat für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

Monika Lazar

Leipzig, geboren 1967

Aufgewachsen in Markkleeberg, südlich von Leipzig, erlebte sie die Umweltverschmutzung in ihrem Lebensumfeld unmittelbar. "Da gab es tiefe Löcher in der Landschaft vom Braunkohletagebau. Dörfer, die der Kohle im Wege waren, wurden einfach platt gemacht. Die Flüsse waren schwarz mit lila Schaumkronen und stanken nach Phenol und an den Chemie- und Brikettfabriken konnte niemand vorbeifahren ohne sich Mund und Nase zuzuhalten. Wenn man den Westbesuch erschrecken wollte, fuhr man nach Mölbis oder Espenhain, die zu den schmutzigsten Dörfern in der DDR gehörten", beschreibt sie die Situation.
Man merkte schnell: "Wenn man unbequeme Fragen stellt, fällt man schnell 'negativ' in der Schule und im Studium auf. Als Einzelne konnte man kaum etwas verändern." Also versuchte sie ihre ersten politischen Schritte Mitte/Ende der 80er Jahre in einer Umweltinitiative im Landkreis Leipzig.
Von dort aus wurden die Umweltgottesdienste im Südraum Leipzig organisiert oder "1 Mark für Espenhain" gesammelt.
Ab Ende September nahm sie auch an den Leipziger Montagsdemonstrationen teil.

"Bis zum entscheidenden Tag am 9. Oktober 1989 war das mit viel Angst verbunden, die wir DemonstrantInnen überwanden, denn wir waren zum Glück Tausende",
sagt sie.

"Die Wochen vom 9. Oktober bis zum 9. November 1989 ließen mich ahnen, dass es möglich ist, eine Gesellschaft gewaltfrei zu verändern. Wir erlebten eine wohl einmalige Ausnahmesituation", erinnert sie sich. Dieses Gefühl prägt sie bis heute und hilft ihr auch bei schwierigen Entscheidungen.
Im Frühjahr 1990 fand sie zum GRÜNEN Ortsverein Markkleeberg. "Dieses Jahr verbrachten wir sozusagen im Dauerwahlkampf.", erläutert Monika. Die nächsten Jahre befasste sie sich vor allem mit grüner Kommunalpolitik u.a. als Stadträtin.
Nach und nach mischte sie sich auch auf anderen Ebenen bei Bündnis 90/Die Grünen ein und nun ist sie seit 2005 Bundestagsabgeordnete.

Gisela Kallenbach

Leipzig, geboren 1944

"Dieses in meinem Leben unmöglich vorstellbare geschah tatsächlich im Herbst 1989 – ein ganzes System des sogenannten demokratischen Sozialismus brach zusammen. Dem ist in meinem Leben ein langer Prozess vorangegangen. Obwohl für mich schon mit der Verweigerung der "Jugendweihe" entscheidende Weichen gestellt wurden (kein Abitur, kein Direktstudium), habe ich versucht, über Berufsausbildung, Fernstudium meinen Platz zu finden. Das gelang durchaus über so manche Jahre, hier und da allerdings ernsthaft in Frage gestellt durch die Niederschlagung des Prager Frühlings oder der offiziellen Diffamierung der Solidarnoc- Bewegung.

Obwohl ich als Leipzigerin durch die Auswirkungen des Braunkohlentagebaues und der Chemie- und Kraftwerksindustrie ja schon so einiges an Umweltverschmutzungen gewöhnt war, brachte dennoch ein Urlaub im Iser- und Erzgebirge im Jahr 1981 für mich den entscheidenden Durchbruch. Dieses Zerstören unserer natürlichen Lebensgrundlagen wollte ich nicht mehr hinnehmen, zumal diese ja offiziell durch die Verfassung geschützt sein sollte.

Daher wollte ich für die Zukunft meiner Kinder aktiv werden. Gleichgesinnte fand ich bei der Arbeitsgruppe Umweltschutz beim Jugendpfarramt – wir wollten die gelähmte Gesellschaft informieren, aufrütteln durch Veranstaltungen in Kirchen, durch Gedrucktes ("nur für innerkirchlichen Dienstgebrauch" und durch Aktionen (Baumpflanzungen, Wandzeitungen, Umweltgottesdienste, "Eine Mark für Espenhain" etc. pp.). Solches Engagement war nicht gerne gesehen in der Demokratischen Republik – die Folge war eine "Operative Personenkontrolle" unter dem smarten Decknamen "Smaragd"."

"Gott sei Dank ging der Kelch der geplanten Maßnahmen an mir vorbei - auch dank der Tausenden, die spätestens am 9. Oktober und danach auf dem Leipziger Ring substanzielle Veränderungen forderten.",
sagt sie.

"Dieser Tag läutete für mich ein zweites Leben ein. Über das Bürgerkomitee (verantwortlich für Ökologie), die Wahl in den Stadtrat, später die Mitarbeit beim Aufbau einer neuen, wirklich demokratischen Stadtverwaltung – hin zur Weitergabe dieser Erfahrungen beim Aufbau ähnlicher Strukturen im Kosovo (als Internationale Bürgermeisterin für UNMIK) konnte ich als Mitglied im Europäischen Parlament und schließlich auch als Mitglied im Sächsischen Landtag manche Weiche mit stellen, hin zu einer etwas friedlicheren, gerechteren, ökologischeren, auf jeden Fall aber demokratischeren Gesellschaft. Dafür zu streiten ist auch heute notwendig; aber eine Erfahrung kann mir niemand nehmen: Es ist möglich."

Manfred Hastedt

geboren 1957

"Schon früh interessierten mich ökologische Themen, insbesondere widmete ich mich in meiner Freizeit dem Naturschutz und der Umweltbildung. Ökologische Probleme wie das Waldsterben im Erzgebirge, die intensive Landwirtschaft mit der Massentierhaltung  und die Braunkohlenpolitik der DDR bewegten mich."

Ab Ende der 70er Jahre engagierteer sich in der kirchlichen Friedens-und Umweltbewegung. In der privaten Naturschutzgruppe (von einigen MitstreiterInnen als "Aktionskreis Hastedt" bezeichnet) kam es zu ersten Konflikten  mit dem MfS. "Wir arbeiteten damals mit jungen Leuten aus der offenen Jugendarbeit der evangelisch-lutherischen Kirche zusammen und  trafen uns regelmäßig in meiner Wohnung oder zu Arbeitseinsätzen in Schutzgebieten der Stadt, auch manchmal zu kirchlichen Veranstaltungen." Nach einem DDR-weiten Ökogruppentreffen im Erzgebirge wurde Manfred Hastedt wegen Rädelsführerschaft eine langjährige Haftstrafe angedroht.
Daraufhin gehörte er zu den Gründern einer kirchlichen Ökogruppe in Karl-Marx-Stadt. Regelmäßig nahm er nun an Ökogruppentreffen im kirchlichen Forschungsheim in Wittenberg teil. Auch in Karl-Marx-Stadt waren die kirchlichen Gruppen untereinander vernetzt und arbeiteten im sogenannten Friedenskern zusammen. Das diese Aktivitäten auch immer wieder Nachteile für die eigene Biographie hatten, schreckte nicht ab:

"Wegen der Tätigkeit in der kirchlichen Umweltbewegung wurde ich nicht zum Studium zugelassen, also belegte ich stattdessen einen Fernkurs Theologie.",
sagt er.

Während der Zeit der Friedlichen Revolution arbeitete er in der sogenannten Demokratisch-Oppositionellen-Plattform (DOP) und vertrat hier wie am Runden Tisch der Stadt Chemnitz die ökologischen Initiativen. 1990 wurde er Mitglied des Chemnitzer Stadtrates, Vorsitzender des Umweltausschusses und  Mitglied bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Sachsen.

Thomas Pilz

geboren 1965

"Geburt, Jahresfeste, Tod – das sind Ereignisse im Leben eines jeden Menschen, die uns berühren und  verändern. Sie haben eins gemeinsam: sie sind im Sinne des Wortes ‚Gott gegeben‘ und nur selten von uns beeinflussbar.", sagt Thomas Pilz.

"Der 19. Oktober 1989 gehört zu den Ereignissen in meinem Leben, die einer Geburt gleich, mein ganzes Leben veränderte."

"Aus dem jahrelangen oppositionellen "sich wehren" erwuchs  mit einer Veranstaltung in drei Zittauer Kirchen Verantwortung, Anerkennung und Gestaltungsmacht. Das Neue Forum hatte eingeladen in die Johanniskirche zu Zittau, um seine Ziele und ersten programmatischen Versuche vorzustellen. Dies alles in einer Zeit, in der das Land zwar wahrnehmbar in Bewegung geriet, es aber noch unklar war, welches Ende sie nehmen würde.

Zittau war Offiziersstadt und es war für die Veranstalter nicht ausgemacht, ob und wie die Staatssicherheit  auf den Griff nach der Mitsprache auch in Zittau reagieren würde. Als die Johanniskirche schon lange vor Beginn der Veranstaltung überfüllt war, reagierten die Zittauer Kirchenverantwortlichen und öffneten zwei weitere Kirchen, die auch nicht ausreichten die am Ende über 10.000 Besucher aufzunehmen.

Als Redner mussten wir damals von Kirche zu Kirche eilen ohne uns dabei Gedanken über die Gefahr der Verhaftung auf dem Wegen zwischen den Kirchen zu machen. Das es dazu nicht kam, ist sicherlich auch einer deeskalierenden Absprache zwischen Kirchenkreis und dem für Sicherheit  zuständigen Rat des Kreises zu verdanken. Nur so kann man bewahren und in die Zukunft weitergeben, wie der 19. Oktober, den Herbst 1989 in der Oberlausitz zu einer Revolution machte: indem Menschen ihre Angst überwanden und losgingen, um sich mit denen zu solidarisieren, die schon lange nicht mehr ihren Mund hielten und die Missstände beim Namen nannten."

Denn es war möglich! im Hintergrund schwarz-weiß Foto der Montagsdeminstration in Leipzig am 22.9.1989 (Foto: Bundesarchiv_Bild_183-1990-0922-002,_Leipzig,_Montagsdemonstration)