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Die Tragödie der ökologischen Ungerechtigkeiten kann man mit der Tragödie des Krieges vergleichen

Ökologische Ungerechtigkeit, unabhängig davon, wie sie entsteht, führt zum Verstoß gegen die Rechte des Menschen, zur Demütigung seiner Würde und wird deswegen verurteilt!

Ungleicher Zugang zur Sicherheit wird zum Instrument der ökologischen Segregation

In den letzten 20 Jahren sind für die Russen folgende Fragen aktuell: Wie können die Bürger ihr Recht auf Sicherheit wahrnehmen und juristisch geltend machen? Welche Spiele muss man mit der Politik/Macht spielen, die deren Mentalität und Stellung berücksichtigen, um von der Lüge zur Wahrheit, von den Märchen zu realen Veränderungen im Leben und zur Freiheit zu gelangen? Und das Wichtigste: Wie kann man die Menschen überzeugen, dass das Recht auf ein würdiges und gesundes Leben ein natürliches Recht ist, ein Grundwert, das einem Niemand nehmen kann?

Weiterhin stellt sich für uns die Frage, wie wir unser Wissen über eine inadäquate Kultur bezüglich des Umgangs mit der Atomindustrie in eine effektive soziale Handlung umwandeln können. Wie kann man unsere Beziehung zur Sicherheit ändern? Wie kommen wir in Russland weg vom ökologischem Nihilismus und der Unmoral?

Strahlende Altlasten

Als Ingenieurin und Forscherin begab ich mich in den 1980er Jahren auf mehrere Dienstreisen zu Atomstandorten. Ich hörte damals im Bus auf dem Weg zu einem südukrainischen Atomkraftwerk das Gespräch von Einheimischen: Viele Männer die dort arbeiten, starben zeitig. Drei Jahre danach geschah die Tschernobyl-Katastrophe. Ich sah, wie Menschen aus Tschernobyl wegliefen. Danach wurde im Kraftwerk meiner Region eine Kooperation mit Majak geplant. Ich schrieb einige Artikel über negative ökonomische und ökologische Wirkungen der Atomkraft für Zeitungen. 1989 wurde auch offiziell bekannt, dass diese Kooperation mit Majak die Verarbeitung radioaktiver Stoffe beinhaltet und das dabei Abfälle einfach in die Umwelt „entsorgt“ werden.

In den 1990er Jahren übernahm ich im Regionalparlament für die demokratische Partei die Aufgabe, die ökologischen Auflagen für Majak zu verstärken. 1991 fand ein Referendum statt, bei dem die Einwohner von Tscheljabinsk sich gegen den Bau von Atomkraftwerken und gegen den Import von Brennstoff für die Verarbeitung entschieden (570.000 Menschen, 84%).

Auf mich als Abgeordnete kamen immer wieder Leute zu, die in verschiedenen verschmutzten Zonen lebten. Ich habe ihre Geschichten dokumentiert und eine Liste mit Opfern aufgestellt. Als die Liste bereits 86.000 Menschen und ihre Fälle anführte, erfuhr ich vom Atomministerium bisher geheime Zahlen über Umweltverschmutzung und die Zwangsumsiedlungen von Menschen aus verschmutzten Regionen in den 1960er Jahren. Diese Tragödie betraf jede sechste Person des Gebietes! Ich machte diese Zahlen öffentlich, denn ich war der Überzeugung, dass sich nur so die Probleme lösen lassen.

Ich konnte und kann nicht nachvollziehen, wie nach solch einer Katastrophe, deren Ursache der inkompetente Umgang mit radioaktiven Abfällen war, im Jahr 1976 die Entscheidung getroffen wurde, jährlich 400 Tonnen radioaktives Material in Majak zu verarbeiten, mit dem gleichen „Konzept“ der Abfallentsorgung wie zuvor.

Dazu ein paar Zahlen: Bei der Verarbeitung von einer Tonne radioaktiver Stoffe bekommt man etwa 2.500 Kubikmeter Abfälle. Diese Abfälle warf man einfach in acht natürliche Seen, die in Majak im technologischen Kreislauf genutzt wurden. Aus einem Kubikmeter Ausgangssubstanz entstanden so bei radiochemischer Verarbeitung 44.000 Kubikmeter säurehaltiger radioaktiver Abfälle!

Mit dem Wasser verbreitet sich dieses radioaktive Gift überall bis in die Nahrungskette. Die Folge waren unter anderem Magen-Darm-Krebs und Mutationsprozesse bei Neugeborenen.

Strahlende Zukunft? Eine Majak-Chronik

Mittlerweile wurde uns versprochen, die als Abfall-Anlagen verwendeten Seen zum Jahr 2020 zu schließen. Momentan gibt es in den acht Gewässern etwa 460 Mio. Kubikmeter flüssige, radioaktive Abfälle mit einer Aktivität von 123 Mio. Curie!

Da ist zum Beispiel der See Tatysch, belastet mit Plutonium. Nur 500?m entfernt davon befindet sich der See Akakul, an dem es viele Kinderferienlager gibt. Es konnte nachgewiesen werden, dass die Fledermäuse am See verstrahlt sind und Radioaktivität weiter verbreiten. Die regionale Regierung will darüber keine Infos an die Öffentlichkeit geben, aus dem Büro der Partei-Zeitung „Prawda“ wurden angeblich alle elektronischen Informationen gestohlen. Die Kinder fahren weiterhin in die Lager und Forscher untersuchen weiterhin die Migration der Fledermaus ...

Auch wenn es schwer fällt, dies zu glauben: Es ist nicht alles hoffnungslos. Obwohl der Druck auf die bürgerlichen Organisationen steigt, wurde 2002 ein Gerichtsprozess gewonnen, nach dessen Entscheidung die russische Regierung die Atom-Abfälle aus dem ungarischen Paksch nicht annehmen darf.

2002 hat die staatliche Atomkontrolle keine Lizenz für die Verarbeitung radioaktiver Stoffe an Majak gegeben. Unsere Bewegung bekam quasi staatliche Unterstützung aber 2003 wurde dem Leiter der staatlichen Atomkontrolle gekündigt und dem Amt letztendlich Schritt für Schritt der Einfluss entzogen.

2004 entschied sich der Generalstaatsanwalt aufgrund zahlreicher Anfragen der Bürgerbewegung eine Ermittlung gegen Majak wegen des Verstoßes gegen Umweltgesetze einzuleiten. Trotz regionaler politischer Widerstände ging der Fall bis vor Gericht. Aber schon 2006, beim ersten Termin wurde der Leiter von Majak von den Vorwürfen entlastet anlässlich des hundertsten Jahrestages des Parlaments.

2007 wurde die Umsiedlung von 4.000 Menschen aus dem Dorf Musljumowo am radioaktiven Fluss Tetscha bis 2010 in die Wege geleitet.

2009 gewährte die russische Regierung der Firma Rusatom 2 Mrd. Dollar für den Kauf eines Kontrollpaketes von der kanadischen Uranium One.

2010 interessierte sich Rusatom für Uran und die „Bewegung der Frau“ macht sich Sorgen, dass das Problem mit den radioaktiven Abfällen von der Agenda der Regierung verschwindet.

Am 31.01.2011 überreichte ich einen Brief an Präsident Medwedew, in dem ich darum bat, auf den Import von radioaktiven Stoffen aus dem Forschungszentrum Rossendorf nach Majak zu verzichten. Laut Grundgesetz kann nur der Präsident diese Entscheidung treffen.

Die Russische Technische Kontrolle (Rustechkontroll) teilte mir im November 2010 mit, dass noch kein Vertrag geschlossen sei, sie können jedoch keinen Einfluss nehmen, nur Präsident Medwedew. Es stellt sich aber die Frage, wie der Transport für Dezember 2010 vorbereitet wurde, wenn kein Vertrag vorliegt. Eine Frage, die ich beiden Seiten stellen will, der russischen und der deutschen.

Die Aussage von Rusatom, dass der verarbeitete Atombrennstoff ein Rohstoff ist, ist ein Märchen, da dieser Stoff nicht auf Weltmärken gekauft oder verkauft wird, wie z.B. Uran. Verarbeiteter Atombrennstoff ist Abfall, was auch die finanziellen Vereinbarungen der Verträge bestätigen: die Seite, die den radioaktiven Stoff weggibt, bezahlt, die Seite, die ihn annimmt, bekommt Geld.

Radioaktive Abfälle sollen da bleiben, wo sie produziert wurden und da, wo aus ihnen der Nutzen gewonnen wurde. Weitergabe von Abfällen ist nicht die Lösung des Problems, sondern einfach einen Verlagerung, die andere Menschen betrifft. Deshalb möchte ich Sie um Ihr Verständnis und Ihre Mithilfe bitten.


Hintergrund

Die Quellen der Verschmutzung bei Majak sind der See Karatschai (W9), Stausee Alter Tümpel (W17), der Kysyltasch-See (W2), Tatysch-See (W-6), Metlinski-Teich (W-4), Kokscharski-Teich(W3) und die Staubecken W-10 und W-11.

Am Boden des Karatschai hat sich eine Linse aus radioaktivem Abfall gebildet. Sie hat ein Volumen von bis zu vier Mio. Kubikmeter mit einer Aktvität von 900.000 Curie. Die Wissenschaftler von Majak haben 2007 Berechnungen veröffentlicht. Danach gibt der Karatschai in 24 Stunden 300 Kubikmeter an die Flüsse Tetscha und Mischelak ab. Im Jahr 2010 führte der Karatschai 300.000 Kubikmeter radioaktiven Abfall mit sich. Im November 2010 verkündete Majak-Direktor Sergej Baranow, dass der Karatschai im Rahmen eines Masterplanes bis 2015 geschlossen wird.

Es gibt noch einen See, den Alten Tümpel, welcher für die Ablagerung von Tritium benutzt wird. Er beinhaltet 400.000 Kubikmeter mit einer Aktivität von 1,2 Mio. Curie. Nach dem selben Masterplan soll er bis 2020 in Betrieb bleiben.

Der Tetscha-Wasserfall beinhaltet 350 Mio. Kubikmeter flüssigen radioaktiven Abfalls mit einer Aktiviät von 400 Mio. Curie. Nach dem Masterplan soll bis 2100 das Ufer und das Wasser sauber sein. Bleibt die Frage, wie – denn der Zerfall von Strontium dauert 300 Jahre. Außerdem ist die Tetscha noch mit Plutonium verschmutzt, das eine Zerfallszeit von 240.000 Jahren hat.

Der Kysyltasch mit 85 Mio. Kubmeter mit 30.000 Curie, wird zur Abkühlung von Reaktoren verwendet und ist mit dem Tetscha-Fluss verbunden. Man plant nicht, ihn in der näheren Zukunft zu schließen.

Im See Tatysch werden Abfälle entsorgt, die Plutonium enthalten. 200 Mio. Kubmeter mit 10.000 Curie. Man plant nicht, den See in näherer Zukunft zu schließen.


Die Autorin

Natalia Mironowa ist Vorsitzende der Anti-AKW-Organisation „Bewegung für atomare Sicherheit“.
Diese Organisation hat den Widerstand am Ural gegen den Import ausländischen Atommülls und den Neubau von Atomkraftwerken organisiert.

Frau Mironowa ist Ingenieurin und gleichzeitig Doktor der Soziologie. Sie hat mehr als 100 Aufsätze und Bücher zu den Themen Thermodynamik, Atompolitik und Rolle von NGOs in den modernen Gesellschaften veröffentlicht.