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"Wir war‘n nicht das Volk, sondern wir sind das Volk"

Werner Schulz, MdEP, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Werner Schulz, MdEP, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Zum Festakt im Leipziger Gewandhaus anlässlich des 20. Jahrestages der ersten "Montagsdemo" in Leipzig am 9. Oktober 1989 hielt der Bürgerrechtler und GRÜNEN-Europapolitiker Werner Schulz eine vielbeachtete Rede. Darin ging er auf Ursachen der friedlichen Revolution ein und benannte auch, was heute noch zu tun bleibt.

Die vollständige Rede als Text finden Sie hier. Die Rede können Sie sich hier noch einmal ansehen.

Einige Auszüge aus der Rede:

"Herr Bundespräsident, Frau Bundeskanzlerin,

der Kommentar zu diesen eindrucksvollen und soeben gesehenen Bildern könnte lauten: In einer Weise, wie es die Weltgeschichte noch nicht gesehen, hat das Volk in Deutschland seine Revolution gemacht. Hat es mit wenigen Ausnahmen die Gewaltäußerungen gescheut.

Das hat kein Drehbuchautor geschrieben, kein Westkorrespondent und schon gar nicht die Leipziger Volkszeitung. Sondern die Worte stammen von Robert Blum, dem Leipziger Deputierten der Frankfurter Paulskirchenversammlung. Er starb für die Freiheit und wurde am 9. November 1848 hingerichtet. Ein Tag, der seitdem unsere Nationalgeschichte beschreibt. Die bürgerliche Revolution mit ihrem Ringen um Demokratie und Einheit war gescheitert. Was blieb, war die deutsche Dauerhoffnung, dass es die Enkel besser ausfechten werden. Es sollte aber lange dauern und viele Opfer kosten, bis 1989 die gewaltlose Freiheitsrevolution in Erfüllung ging.

Doch die kam nicht aus heiterem Himmel, war kein spontanes Aufbegehren, sondern hatte einen langen Vorlauf. Mit dem Sprachwitz von damals würde der Volksmund heute sagen: Was lange gärt wird Mut. Denn Bürgermut gehörte schon dazu, im Herbst 89 auf die Straße zu gehen, um gegen Unfreiheit, Bevormundung, Willkür und Lüge und gegen ein bis an die Zähne bewaffnetes Regime zu demonstrieren.

[...]

Mit Glasnost und Perestroika wollte Gorbatschow das System stabilisieren und nicht den Warschauer Pakt und die Sowjetunion auflösen. Dass er das und die deutsche Einheit dennoch zugelassen hat, dafür gebührt ihm nach wie vor Dank.

Peinlich finde ich es hingegen, wenn einem ehemaligen in Dresden stationierten KGB-Offizier, der zum Schießen bereit war und der als Präsident und Ministerpräsident für schwere Menschenrechtsverletzungen in Russland mitverantwortlich ist, der sächsische Dankesorden überreicht wird. Gerade der Freistaat Sachsen sollte wahrlich einer anderen Tradition verpflichtet sein.

[...]

Wenn es einen Anführer gab, dann war es die Stadt Leipzig. Keine Heldenstadt, eine nach Sowjetkultur klingenden Übertreibung. Vielleicht erkennt man die Helden eher daran, dass sie keine sein wollen.

Es war eine Revolution, bei der Kerzenwachs und kein Blut floss. Demonstranten Transparante statt Waffen in den Händen hielten. Es erfolgte kein Sturm auf die Bastille, sondern die Besetzung der Runden Ecke und sämtlicher Stasizentralen. Die Akteure gingen nicht auf die Barrikaden, sondern an die Runden Tische. Dem Sturz der Nomenklatura folgten kein Wohlfahrtsausschuss und „Thermidor“, sondern frei gewählte demokratische Parlamente. Der friedliche Ablauf entfaltete eine enorme zivilisatorische Kraft, die im Dominoeffekt ein totalitäres System mit seiner verquasten Ideologie zum Einsturz bracht. Vom Runden Tisch in Polen, der friedlichen Revolution in der DDR, der samtenen in der CSSR bis zur singenden im Baltikum war dies ein eindrucksvoller Beitrag zur Bürgergesellschaft. Das Erringen von Freiheit und Bürgerrechten, ohne dass dafür andere Menschen geschlachtet wurden. Menschenrechte, die ein Staat nicht zu gewährleisten, sondern zu respektieren hat, wie unsere frisch gekürte Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ausgezeichnet beschreibt.

[...]

Es ist höchste Zeit, die Wende, diese erfundene Rettungsformel von Egon Krenz, gegen den Begriff der friedlichen Revolution auszutauschen. Denn die Ablehnung dieses Begriffs reiht sich ein in die Serie der Verklärung und Verharmlosung. Heute erfahren wir eine DDR, die es so schön nie gegeben hat. Natürlich gab es auch anständiges Leben im falschen System. Doch das sollten wir gut auseinanderhalten.

[...]

Wir brauchen kein in Stein gemeißeltes Freiheits- und Einheitsdenkmal. Statt einer Kunstinstallation sollten wir lieber die authentischen Orte bewahren und als Gedenk- und Begegnungsstätten pflegen. Die Kirchen der Revolution. Das Stasigefängnis in der Erfurter Andreasstraße und den Grenzübergang Marienborn, wo man den Wert von Freiheit und Einheit nachhaltig versteht.

[...]

Die vielbesagte Mauer in den Köpfen ist oft nur das Brett davor. Anstatt ständig unsere Einheit zu suchen und zu beschwören, sollten wir lieber unsere Freiheit in Vielfalt feiern. Und damit verbunden nicht nur das unendliche Gefühl von Glück und Dankbarkeit mitnehmen, sondern auch den Auftrag: Die Revolution geht weiter / Denn noch immer ist ihr Ruf „Wir sind das Volk“ – der Anspruch nach direkter Demokratie und Mitbestimmung nicht erfüllt.

Herr Bundespräsident, Sie haben nach Ihrer Wiederwahl den Vorschlag erneuert, dass der nächste Präsident vom Volk gewählt werden sollte. Doch ich befürchte: Eher haben die Inder einen Unberührbaren auf dem Mond abgesetzt, als dass die deutschen Parteien auf ihr Vorrecht verzichten, die Wahl des Bundespräsidenten unter sich auszumachen.

Besser wäre es, wir würden gemeinsam dafür sorgen, dass endlich der Artikel 146 GG eingelöst wird. Die Hoffnung, dass sich das deutsche Volk eine Verfassung gibt, die Volksentscheide ermöglicht. Allein die CDU sperrt sich noch dagegen. Aber Frau Bundeskanzlerin, liebe Angela Merkel, es müsste doch zu machen sein, dass die letzte verbliebene Volkspartei hier dem Volk entgegenkommt.

Wir dürfen die Demokratie nicht nur den Berufspolitikern überlassen. Gerade nach vielversprechenden Wahlkämpfen nach dem Motto: „Bieten wetterfesten Schirm ohne Gestell, an dem die Bespannung fehlt“ – ist es für die Bürgerinnen und Bürger wichtig, auch nach den Wahlen noch gefragt zu sein und die Politik beeinflussen zu können.

[...]

Das Vermächtnis der friedlichen Revolution gehört nicht ins Museum. Wir war‘n nicht das Volk, sondern wir sind das Volk."