20 Jahre Vereinigung von Bündnis 90 und Die Grünen in Sachsen – ein persönlicher Rückblick

Dr. Karl-Heinz Gerstenberg, Foto: Simanowski

Interview mit Dr. Karl-Heinz Gerstenberg

Welche Erwartungen knüpftest Du damals an die Vereinigung zu BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN?
Die Bürgerrechtsbewegung von 1989 war inhaltlich sehr zersplittert. Einigkeit gab es nur darüber, dass die in der DDR herrschenden politischen Zustände überwunden werden mussten. Bei den weiterführenden Zielen hingegen zeigten sich viele Differenzen. Vor allem an der Frage der Vereinigung mit der Bundesrepublik schieden sich die Geister. Das Ergebnis der Bundestagswahl 1990, als die westdeutschen Grünen den Einzug ins Parlament verpassten und wir als Ostdeutsche nur mit einer kleinen Gruppe vertreten waren, hat dann recht deutlich gezeigt, dass wir den Willen der Menschen im Lande falsch eingeschätzt hatten. Unser Ziel bei der Vereinigung zu BÜNDNIS 90/?DIE GRÜNEN in Sachsen bestand also in erster Linie darin, die Zersplitterung zu überwinden und eine handlungsfähige und wählbare politische Kraft zu formen. Als strategisches Ziel wollten wir unseren Verband zu den Grünen führen, um so eine Vereinigung auf Augenhöhe zu erreichen. Das ist uns aus meiner Sicht auch gelungen.

Was waren seinerzeit die typischen Gegenargumente?
Aus heutiger Sicht ist es kaum vorstellbar, aber 1990 gab es eine heiße Diskussion darum, warum wir eine Partei sein sollten. „Partei“ war noch immer ein Synonym für SED. Der Unwillen, diesen Schritt zu gehen, war sehr groß.

Anderen waren die Grünen auch einfach „zu links“ und diese Leute liebäugelten zum Beispiel mit der politisch konservativen ÖDP. Teile des Neuen Forums haben dann auch den Schritt in diese Richtung vollzogen, bekanntestes Beispiel ist Arnold Vaatz, der zur CDU ging.

Ich behaupte, mit dem heutigen historischen Abstand, dass auch eine gewisse „Vereinsmeierei“ bei den Gegnern der Vereinigung eine Rolle spielte, ganz nach dem Motto „Klein aber mein“. Anders ausgedrückt gab es die Angst Mancher, in einer größeren Partei an Einfluss zu verlieren.

Wie viel von den Vorläuferorganisationen findet sich noch heute bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN?
Das aus meiner Sicht Wichtigste ist, dass es uns gelungen ist, in einem Grundkonsens Werte wie Menschenrechte und Demokratie zu verankern sowie eine neue politische Kultur zu etablieren. Unser Ziel war es, Politik weniger konfrontativ zu gestalten, stets den Dialog zu suchen und so einen gangbaren Kompromiss zu finden. Im Tagesgeschäft gerät dies sicher manchmal ein wenig aus dem Blickfeld, aber ich denke, wir haben uns diesen Geist erhalten. Das macht aus meiner Sicht auch viel von der Anziehungskraft der Partei auf Außenstehende aus.

Wo wünschst Du Dir, soll BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in 20 Jahren stehen?
Vor allem hoffe ich, dass wir noch mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen! Selbstverständlich wünsche ich mir, dass wir mehr Regierungsverantwortung tragen. Aber egal ob als Opposition oder in der Regierung: Ich erwarte, dass wir dann noch immer im Sinne einer Bürgerbewegung die Interessen vieler Menschen in der Tagespolitik vertreten.

Dr. Karl-Heinz Gerstenberg begann sein politisches Engagement 1990 als Sprecher der Bürgerrechtsbewegung Demokratie Jetzt, ein Jahr später zählte er zu den Mitbegründern von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Sachsen. Ab 1994 war er zehn Jahre lang Sprecher des Landesvorstandes. Aufwind befragte den jetzigen Parlamentarischen Geschäftsführer der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Sächsischen Landtag nach seiner Sicht auf das Jubiläum.